Von oben 

Von oben ist in diesem Roman ganz real zu verstehen: Die Seele eines gerade Verstorbenen ist nämlich nicht genug weit aufgestiegen, sondern in den Wolken über Berlin hängen geblieben. Dieser legendäre Berliner Himmel ist kein Elysium mit Engeln und Schalmeien, sondern ein städtischer Luftraum mit Landeanflügen, dominiert von einem gigantischen Fernsehturm. Das Schicksal dieser Seele besteht darin, dass sie alles sehen , was sich unter ihr in der Stadt tut, aber nicht eingreifen kann. Der einsame Erzähler wird Zeuge von Schönem und Schrecklichem, begabt mit einer übernatürlichen Hör- und Sehkraft, aber ohne Willen und ohne Handlungsfähigkeit. 

Die Auffahrt in den Himmel wird als technisch-theologische Katastrophe beschrieben. Näher mein Gott zu Dir! Aber im 23. Stock bleibt der Lift stecken. Aus dieser absurden Grundkonstellation entwickelt Sibylle Lewitscharoff einen humorvoll-geistreichen Roman über das Zwischenreich. „Es ist eine Poetik des Vertikalen, in der alles in die Höhe, ins Planetarische, Lunare, Stellare strebt“ (Richard Kämmerlings) und in einer fiebrigen Apotheose endet, die eine überraschende Selbsterkenntnis bereithält. 

Sibylle Lewitscharoff: Von oben. Roman, Suhrkamp 2019

27. April 2020

Sibylle Lewitscharoff

Sie gehört zu den wichtigsten deutschsprachigen Schriftstellern ihrer Generation. Neben vielen anderen renommierten Preisen und Auszeichnungen erhielt sie 1998 den Ingeborg-Bachmann-Preis der Stadt Klagenfurt und 2013 den Georg-Büchner-Preis.  

Die 1954 in Stuttgart geborene und in Berlin-Wilmerdorf lebende Sibylle Lewitscharoff wuchs als Tochter eines aus Bulgarien stammenden Vaters und einer deutschen Mutter auf. Der Vater, der an Depressionen litt, nahm sich das Leben, als Lewitscharoff elf Jahre alt war. Schon als Jugendliche gehörte sie zeitweise einer trotzkistischen Gruppe an, wobei ihr breites literarisches Interesse dazu führte, dass sie sich dem linksradikalen Milieu wieder entfremdete. Nach dem Abitur studierte sie bis 1982 Religionswissenschaften und Soziologie an der FU. Längere Studienaufenthalte führten sie nach Buenos Aires und nach Paris. 

Der literarische Durchbruch gelang ihr 1998 mit der Erzählung „Pong“, mit der sie in Klagenfurt den begehrtesten Preis deutscher Nachwuchsautoren erhielt. In dieser Schilderung der Welt aus der Perspektive einer Verrückten zeigte sich schon damals ihre Begabung zu einer turbulent-komischen, sprachartistischen und allen Konventionen zuwider laufenden Sicht der Welt. Das Thema Wahnsinn und religiöse Spinnerei habe sie damals schon sehr lange beschäftigt. Die Kritik lobte sie für diese beeindruckende Charakter- und Weltstudie, „die vielleicht beste literarische Rekonstruktion eines ver-rückten Hirns überhaupt“ (DIE ZEIT). 

Die Religionswissenschaftlerin beleuchtet in ihren Büchern immer wieder geradezu lustvoll, ebenso ketzerisch wie ironisch die letzten Fragen. In ihrem neuesten Roman „Von oben“ (2019) zeigt sie sich als unerschrockene Schleusenwärterin zwischen dem Diesseits und dem Jenseits, die aus den letzten Dingen einen knisternd klugen und turbulent komischen Roman macht. 

Pia Reinacher und Wolfgang Herles (Schriftsteller, langjähriger Chef der ZDF-Aspekte-Redaktion) sprechen mit ihr über das literarische Zwischenreich.

Büchertisch

www.buchland.ch | Therese Brändli