Wer noch kein Grau gedacht

hat. Eine Farbenlehre

Sachbuch

Solange man kein Grau gemalt habe, sagte Paul Cézanne einmal, sei man kein Maler. Wenn Peter Sloterdijk diesen Satz auf die Philosophie überträgt, mag dies als unerläutertes Behauptungsereignis wie eine masslose Provokation klingen. Warum sollten Philosophen eine einzelne Farbe denken, anstatt sich mit Ethik, Metaphysik oder Logik zu beschäftigen? Doch schon eine erste historische Grabung verschafft der Intuition Plausibilität: Welche Farbe haben die Schatten in Platons Höhlengleichnis? Malt die Philosophie laut Hegel nicht stets Grisaillen? Und impliziert Heideggers In-der-Welt-sein nicht den Aufenthalt in einem diffusen Grau?

Peter Sloterdijk folgt dem grauen Faden durch die Philosophie-, Kunst- und Mentalitätsgeschichte. Er befasst sich mit der Rotvergrauung der Deutschen Demokratischen Republik, mit Graustufenphotographie und lebensfeindlichen Landschaften in der Literatur. Indem er das Grau als Metapher, als Stimmungsindikator und als Anzeige politisch-moralischer Zweideutigkeit erkundet, liefert er eine Vielzahl bestechender Belege für die titelgebende These.


Moderation: Dr. Pia Reinacher & Dr. Wolfgang Herles

31. Oktober 2022

em. Prof. Dr. Peter Sloterdijk  

Peter Sloterdijk, geboren 1947 als Sohn einer Deutschen und eines Niederländers in Karlsruhe, promovierte 1976 in Hamburg mit einer Arbeit über die Autobiographie in der Weimarer Republik ("Literatur und Organisation von Lebenserfahrung"). Ab 1992 lehrte Peter Sloterdijk als Professor für Philosophie und Ästhetik an der Hochschule für Gestaltung in seiner Heimatstadt Karlsruhe, deren Rektor er von 2001-2015 war. Er lebt heute in Karlsruhe und Südfrankreich.

Peter Sloterdijk ist mit Jürgen Habermas der bekannteste Gegenwartsphilosoph in Deutschland. Als streitbarer Vordenker mischt er sich in gesellschaftspolitische Debatten ein und übt grossen Einfluss auf das zeitgenössische Denken aus. Seine Texte erreichen dank ihrer verständlichen Sprache auch Leser ausserhalb der akademischen Welt. 1983 erregte Sloterdijk erstmals Aufmerksamkeit mit "Kritik der zynischen Vernunft" (2 Bände), das mit 150.000 verkauften Exemplaren zum erfolgreichsten philosophischen Werk nach 1945 avancierte. Seine "Sphären" Trilogie (1998, 1999, 2004) gilt als wichtiger Beitrag der Philosophie zum Verständnis einer menschlichen Grund-Erfahrung. Der breiten Öffentlichkeit wurde Sloterdijk bekannt durch die ZDF-Sendung "Das Philosophische Quartett", die er ab 2002 mit dem Schriftsteller Rüdiger Safranski moderierte.

Seinen internationalen Ruhm als risikofreudiger Denker am Puls der Zeit festigte Peter Sloterdijk mit dem Essay "Zorn und Zeit. Politisch-psychologischer Vergleich" (2006), in dem er den Zorn als vergessene Triebkraft der abendländischen Kultur entdeckte. In dem Essay "Gottes Eifer. Vom Kampf der drei Monotheismen" (2007) verglich er die drei grossen Religionen (Judentum, Christentum, Islam) und ging der Frage nach, welche politisch-sozialen und psychodynamischen Voraussetzungen die Entstehung des Monotheismus bedingten. Neuland betrat Sloterdijk mit dem Schreiben des Librettos für die Oper "Babylon" von Jörg Widmann, die 2012 an der Bayerischen Staatsoper in München mit grossem Erfolg uraufgeführt wurde. 2015 übersetzte er Antoine de Saint-Exupérys "Der kleine Prinz" neu und schrieb mit "Das Schelling-Projekt" einen Briefroman, in dem es um ein gescheitertes Forschungsprojekt zur weiblichen Erotik ging. Als Schriftsteller, der seine Werke fertig im Kopf hat, bevor er sie niederschreibt, brachte er fast jährlich ein neues Buch heraus, darunter "Die schrecklichen Kinder der Neuzeit. Über das anti-genealogische Experiment der Moderne" (2014) und "Was geschah im 20. Jahrhundert" (2016).

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