04. Dezember 2017

Adolf Muschg

Geboren am 13. Mai 1934 in Zollikon als Sohn eines Volksschullehrers. Er studierte an der Universität Zürich Germanistik, Anglistik und Philosophie und promovierte bei Emil Staiger mit einer Dissertation über Ernst Barlach. Adolf Muschg ist ein Doppeltalent: Ab 1970 war er Ordentlicher Professor für Deutsche Sprache und Literatur an der ETH Zürich. Gleichzeitig legte er 1965 mit seinem Erstling „Im Sommer des Hasen“ einen fulminanten literarischen Start hin. Seither ist ein imponierendes literarisches Werk entstanden, für das er 2015 mit dem Schweizer „Grand Prix Literatur“ ausgezeichnet wurde. Muschg ist ein Meister der verschlungenen Romankonstruktionen, in die er ein immenses Wissen aus der Politik, Geschichte, Psychoanalyse und Sozialgeschichte versteckt. Seine Meisterschaft besteht in der Abbildung der Unübersichtlichkeit des heutigen Lebens im Beziehungsleben seiner quecksilbrigen Figuren.

 
Leseempfehlungen zu Adolf Muschg

Der weisse Freitag

Erzählung

Goethes zweite Schweizer Reise 1779 hätte gut die letzte des damals Dreißigjährigen sein können, und der "Werther" sein einziges bekanntes Werk. Denn das Risiko einer neunstündigen Fußwanderung über die Furka im November durch Neuschnee war unberechenbar. Aber der frisch ernannte Geheimrat hatte es auf den kürzesten Weg zu seinem heiligen Berg, dem Gotthard, abgesehen, seinen acht Jahre jüngeren Landesfürsten Carl August mitgenommen und alle Warnungen in den Wind geschlagen. Adolf Muschg liest diesen 12. November, den "weißen Freitag", die Wette Goethes mit seinem Schicksal, als Gegenstück zu Fausts Teufelswette und zugleich als Kommentar zum eigenen Fall eines gealterten Mannes, der mit einer Krebsdiagnose konfrontiert ist. Als Zeitgenosse weltweiter Flucht und Vertreibung und einer immer dichteren elektronischen Verwaltung des Lebens findet er gute Gründe, nach Vorhersagen, Warnungen und Versprechen in einer Geschichte zu suchen, die gar nicht vergangen ist. Sie handelt vom Umgang mit dem Risiko, dem auch der noch so zivilisierte Mensch ausgesetzt ist, weil er es als Naturgeschöpf mit Kräften zu tun hat, die er nicht beherrschen kann.
Muschg hat mit dieser Doppelbelichtung zweier Reisen sein persönlichstes Buch geschrieben und sich ihrem bei aller Verschiedenheit gemeinsamen Grund genähert, den man nur im Erzählen ahnt – mit immer noch offenem Ende und doch im Wissen um die Endlichkeit, die nicht zu überschreiten ist.

Adolf Muschg: Der weisse Freitag. C.H. Beck 2017